Michael Wollny Trio

Das Duo, schrieb der Musikjournalist Hans-Jürgen Linke einmal, sei eine vertrauensbildende Maßnahme. In der Tat: Mit dem Duo entsteht eine inspirierende Ordnung oder eine intendierte Unordnung. Man kann sich – unabgelenkt – in die Augen schauen. Lesen, was der andere von einer Idee hält; die Idee des anderen wiederum lesen und weiter- oder überschreiben. Immer ist es jedoch ein direkter Bezug, eine Linie, die zwischen A und B gezogen werden kann, zwischen zwei Polen, zwischen zwei Instrumenten. „Aber wehe, es kommt ein Dritter dazu, der gleichberechtigte Anteilnahme fordert“, fährt Linke fort. „Das wird kompliziert. Das treibt die Reaktionsfähigkeit, die Geistesgegenwart eines jeden an den Rand des Machbaren.“ Dreiecksgeschichten sind von einer geradezu perfiden Unberechenbarkeit; sie erfordern eine unbedingte Liebe zur Geometrie. Zwei können sich fortan gegen einen verbünden; ein Einzelner kann die Zweisamkeit der beiden andern stören. Man kann sich wechselseitig triezen, kitzeln, aber auch umarmen und antreiben. Langweilen werden die drei sich miteinander jedenfalls nicht. Jeder muss auf der Hut sein. Dreiecksgeschichten sind die spannenderen Abenteuer, in der Liebe und in der Musik. Das Spiel wird riskanter. Es kann sehr schief gehen. Es kann zu einem gloriosen Triumph werden, wenn man offenen Auges darauf vertraut, dass auch die beiden Mitspieler das Risiko dem routinierten Gleichklang vorziehen. Man glaubt, das gute alte Trio würde inzwischen längst an die Grenzen seiner formalen Möglichkeiten gestoßen sein – aber das ist natürlich ebenso großer Unsinn wie die Behauptung, man könne mit 26 Buchstaben nichts Neues mehr ausdrücken, weil das Alphabet so statisch sei. Es geht schließlich um Kombinatorik, Fantasie, auch ein bisschen Größenwahn, wenn man etwas Ungehörtes hörbar machen will. Michael Wollnys [em] wurde von Anfang an – also seit dem Jahr 2005, als das ACT-Debüt „call it [em]“ erschien – eine furiose Spiellust und Unvorhersehbarkeit nachgesagt. Dieser wohlwollenden Nachrede ist die Band von Album zu Album mehr gerecht geworden. Es gab in der letzten Zeit wenige Musiker, die sich gegenseitig so angestachelt, die dynamischen Möglichkeiten, die aleatorischen Momente, die unbewussten Kommunikationsabläufe innerhalb eines Trios so vehement zu nutzen verstanden haben. „Schönheit durch Konfusion, Wahrheit durch Kollision“ – ein sehr passendes Zitat des Künstlers Daniel Richter, das Michael Wollny den Liner Notes des Albums „Wasted & Wanted“ voranstellte. Jeder Musiker suche den wahren Moment, heißt es da weiter. „Für Jazzmusiker existiert er immer dann, wenn wir es schaffen, ihn nicht ständig mit Kopf und Willen einzukreisen. Musik ist in all den Ritzen, in denen die Konvention sie nicht haben will.“ Eva Kruse am Bass, Eric Schäfer am Schlagzeug, Michael Wollny am Klavier kriechen in diese Ritzen. Sie sind nicht nur drei Virtuosen, sondern jeder für sich dazu noch Komponist, Arrangeur und Umgeher von Konventionen. Wie sich diese Dreierbande gegenseitig reizt und aufheizt und trotz der langen gemeinsamen Wegstrecke immer wieder neue Interaktion hervorbringt, lässt sich auf inzwischen fünf [em]-Alben nachhören. „Weltentraum“, die sechste Trio-Platte, erschien 2014, und neu ist daran erst einmal die Besetzung, die einen nuanciert anderen Ton ins gemeinsame Spiel eintriggern lässt: Weil Eva Kruse in Babypause ist, nimmt im neu formierten Trio der US-Amerikaner ihre Position im Dreieck ein – ein Bassist, dessen Spiel voluminös, kraftvoll und groovig ist und doch nie aufdringlich und der wunderbar zu diesem konzentrierten, energetisch aufwühlenden Klangkörper passt. „Weltentraum“ trägt den Geist der Romantik ebenso in sich wie die Lust an der erkenntnissüchtigen Durchdringung von sehr unterschiedlichen, aber inneren Zusammenhalt beanspruchenden Stücken: Gustav Mahler findet sich im Titel „Weltentraum“ zitiert, wir treffen auf Alban Berg, auf Volkslieder der frühen Romantik und sogar der spätesten Schauerromantik (aus einem David Lynch-Film). Wolfgang Rihm wird im Vorbeigehen gegrüßt, Friedrich Nietzsche und Guillaume de Machaut verschlägt es ebenfalls auf diese Platte. Die verschiedenen „Gäste“ werden vom Trio so innig in Empfang genommen, dass aus den „fremden“ Liedern eigene werden. “Am Anfang der Aufnahme stand ganz nüchtern die Idee, eine CD zu machen, die auch ‘My Standards’ hätte heißen können“, sagt Michael Wollny. „Songs zu suchen, die, banal gesprochen, mit mir und mit uns in Verbindung stehen und zu mir und zu uns sprechen. Songs, die wir zum Leben erwecken können und die so eine Art Kanon sind – wichtige Songs, die eine Geschichte erzählen und wie Standards behandelt werden. Ich interessiere mich vor allem für Lieder. Lieder und Gedichte – auch in der europäischen Tradition -, die ein sinnvoller Ausgangspunkt für Trio-Versionen sind”. Man sieht: Wie Jazz hat die Romantik mehr mit einer bestimmten Haltung zum Material als mit einer Epoche zu tun. Das klassische Trio – nun auch mit dem klassischen Namen Michael Wollny Trio – bewegt sich mit einem großen Reichtum an stilistischen Variationsmöglichkeiten und Intensitätsgraden traumwandlerisch zwischen den Zeiten – und landet bei zeitloser Musik im Hier und Jetzt.