Michael Wollny im Portrait

2001 hat Michael Wollny seine Diplomarbeit über „Tonwirbel“ in den Improvisationen von Joachim Kühn geschrieben. Heute ist er selbst Gegenstand musikwissenschaftlicher Studien – vor zwei Jahren etwa erschien eine Studie zur „Klangbibliothek des Michael Wollny“. Mit dem von ihm verehrten Joachim Kühn hat Wollny inzwischen nicht nur gespielt und ein Album aufgenommen, er ist auch in dessen Fußstapfen als international erfolgreichster und wichtigster deutscher Jazzpianist getreten. Kein Fachmagazin, das ihn nicht mit Superlativen bedacht, kein großes Feuilleton, das ihm nicht Kränze geflochten hätte, und seit er 2014 mit dem Trio-Album „Weltentraum“ in den „Tagesthemen“, im „heute journal“ und ganz oben in den Pop-Charts landete, füllt er mit seinen Auftritten auch die großen Säle. Und vermutlich hat kein deutscher Jazzmusiker mehr Preise gewonnen als Wollny.

Viel wichtiger freilich ist, was hinter all diesen Erfolgen steht: Dass Wollny mit jedem Album und in jedem Konzert seine Zuhörer wie seine Begleiter stets aufs Neue überrascht, berührt und begeistert. Einerseits dank seiner physischen wie geistigen Beweglichkeit, seiner einmaligen Fähigkeit zur Antizipation und Reaktion, die ihn zum vollendeten Improvisator macht. Andererseits durch seinen unbedingten Stilwillen, mit dem er alle denkbaren Einflüsse kompositorisch zu etwas Neuem und Eigenem werden lässt, ob die Inspiration nun von Schubert oder Mahler kommt, von Varèse oder Hindemith, von Björk oder Kraftwerk, von japanischen Horrorfilmen oder Großstadtlyrik, von Gedankengebilden oder Naturphänomenen.

Die Grundlagen dafür wurden früh gelegt. Mit 5 Jahren hatte der 1978 in Schweinfurt geborene Michael Wollny ersten Unterricht an Klavier und Geige, ein wichtiger Einfluss war seine große Schwester, die ihm als Flötistin vor allem die klassische Romantik nahebringt. So war für ihn Klavier spielen „immer beides – Improvisation, und Bach oder Mozart spielen”. Als er mit 16 als Gasthörer ans Herrmann-Zilcher-Konservatorium in Würzburg geht, wird er vom Pianisten und Hochschullehrer Chris Beier entdeckt, der ihn als Jungstudent an der Würzburger Hochschule für Musik unter seine Fittiche nimmt. Die nächsten Stationen heißen BundesJugendJazzorchester (BuJazzO), das erste eigene Trio und ein Duo mit dem Saxophonisten Hubert Winter. 2001 erhält Wollny eine Einladung ins HR-Jazzensemble.

Hier kann er mit den Granden des deutschen Jazz arbeiten: Albert und Emil Mangelsdorff, Christof Lauer und nicht zuletzt Heinz Sauer. Der Saxophonist ist begeistert von dem jungen Mann am Klavier und lädt ihn zu einem Duo ein. Vier preisgekrönte gemeinsame Alben bezeugen eine bis heute bestehende, außergewöhnliche Partnerschaft über die Generationen hinweg. Musikalischer Dialog auf Augenhöhe – das ist auch das Prinzip beim Trio [em], das Michael Wollny parallel dazu schon 2002 mit der Bassistin Eva Kruse und dem Schlagzeuger Eric Schaefer gegründet hat und welches bis 2013 existierte. Ihr Debüt-Album „call it [em]“ ist 2005 zugleich der Start der bis heute erfolgreich bestehenden ACT-Reihe „Young German Jazz“. Mit diesem und vier weiteren Alben schwingt sich Wollny und das Trio [em] zum „aufregendsten Pianotrio der Welt“ (Die ZEIT) mit einem „future sound of jazz“ (The Observer) auf.

Damit ist die Zeit reif für die internationale Bühne. Wollny sucht die Begegnung mit dem skandinavischen Jazz, tourt mit Star-Posaunist Nils Landgren im Duo wie als Mitglied in dessen Bands und mit dem Quartett des Bassisten Lars Danielsson. Mit der israelischen Cembalistin Tamar Halperin spielt er 2009 ein Album ein, dessen Titel sich als Klammer seines Gesamtwerks anbietet: „Wunderkammer“. Ein Meilenstein wird 2012 das Eröffnungskonzert des „Jazz at Berlin Philharmonic“ mit Iiro Rantala und Leszek Możdżer. „Das war großartig, um nicht zu sagen: Weltklasse“ titelte das ZDF über das Gipfeltreffen dieser drei Pianisten, welches als Livemitschnitt verewigt ist.

Es folgen Duo-Konzerte mit Künstlern wie Gary Peacock oder Joachim Kühn; Begegnungen mit dem Popmusiker Konstantin Gropper, dem britischen Elektronik-Freigeist Leafcutter John oder dem Stimmkünstler und Komponisten Alex Nowitz, sowie Dialoge mit Ror Wolf, Hartmut Rosa, Christian Brückner und Robert Stadlober.

Die ACT-Jubilee-Night in Paris zum 20-jährigen Bestehen des Labels ebenfalls im Jahre 2012 wird zur Geburtsstunde von Wollnys Partnerschaft mit dem französischen Akkordeonisten Vincent Peirani, dokumentiert unter anderem mit dem Duoalbum „Tandem“ 2016. Und mit ihm dem Sopransaxofonisten Emile Parisien und dem Schweizer Vokalartisten Andreas Schaerer ergab sich daraus bald danach für „Out of Land“ eine europäische Supergroup aufstrebender Jazzimprovisatoren. Und gleich noch eine folgte 2019 mit 4 Wheel Drive, dem Quartett mit Nils Landgren, Lars Danielsson und Wolfgang Haffner, das auf seiner Tournee Rekorde brach.

Zu dem den üblichen Jazz-Zirkel sprengenden Bestseller war Wollny freilich schon zuvor geworden, besonders mit dem nun unter seinem Namen firmierenden Trio, welches seit 2014 der Schwerpunkt seiner Arbeit ist und ihm auch den Weg ins internationale Rampenlicht bescherte. Mit dem unzertrennlichen Weggefährten Eric Schaefer am Schlagzeug und erst dem Amerikaner Tim Lefebvre, dann mit dem Schweizer Christian Weber am Bass veröffentlicht er „Weltentraum“ (2014), „Nachtfahrten“ (2015) und 2018 dann gleichzeitig die beiden Alben „Oslo“ und das Livealbum „Wartburg“ mit Emile Parisien als Gast. Natürlich wie immer, ohne faule Kompromisse einzugehen oder sich dem Mainstream anzudienen. Das Michael Wollny Trio wird heute als „the most exciting piano trio in Europe” (The London Times) gefeiert.

Schon immer war Wollny unermüdlich auf der Suche nach kreativen Herausforderungen. Er nimmt sich – obwohl seit sechs Jahren auch noch Professor an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig – immer Zeit für das Besondere. Ob er als „artist in residence“ Festivals vom Rheingau Musik Festival bis zum Elbjazz Hamburg (dort als erster in dieser Funktion überhaupt) seinen Stempel aufdrückt, das Musikfest der Alten Oper Frankfurt mit Klassik-Interpretationen bereichert, ihm im Konzerthaus Dortmund gleich eine ganze Reihe von Abenden gewidmet wird oder er zusammen mit Geir Lysne als mehrjähriger “Artist in residence” beim Norwegian Wind Ensemble in einer Vielzahl von Konzerten, workshops und Projekten – u.a. auch einer Vertonung von Friedrich Wilhelm Murnaus Filmklassiker „Nosferatu“ – die improvisatorischen Möglichkeiten eines klassischen Ensembles auslotet und weiterentwickelt.

2019 erhält er den Kompositionsauftrag für den Eröffnungsabend des Festivals “100 Jahre Bauhaus”, und das Projekt Bau.Haus.Klang feiert vor den Augen von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier Premiere. (Letzteres stand im selben Jahr auf Einladung des EFG London Jazz Festivals auch noch auf der Bühne des altehrwürdigen Barbican Centers). Bei all diesen vielfältigen Projekten geht es Wollny um das Ausloten neuer Klangräume und um neue künstlerische Begegnungen. Als regelmäßiger Gast in der Philharmonie Berlin entsteht mit „Der Wanderer“ ebenfalls 2019 auf Einladung der Berliner Philharmoniker eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit dem Komponisten Christian Jost, die sich im gleichen Jahr bei einem Gastspiel mit dem Shanghai Symphony Orchestra in China fortsetzt.

Selbst der Corona-Lockdown hat die Kreativität des 42-Jährigen nicht zähmen können. Er richtete einfach den Blick nach innen und spielte nach „Hexentanz“ (2007) ein Soloalbum ein, das im September 2020 erscheinende „Mondenkind“: Ein überwältigender Dialog mit dem Instrument und dem Raum, und ein tiefer Blick in Wollnys persönliches „Book of Sounds“ mit Musik von Neutönern wie Alban Berg, der Popikone Tori Amos, Singer-Songwriter Sufjan Stevens und natürlich mit seinen eigenen Kompositionen. Eine Quintessenz der bisherigen künstlerischen Biografie, die Wollnys Ausnahmestellung im deutschen, europäischen und internationalen Jazz bestätigt.

Oliver Hochkeppel
September 2020